Mein Lebenswerk
Seit Beginn des 2. Semesters haben wir einen neuen Lehrer für den dramatischen deutschsprachigen Unterricht an der 1st filmacademy: Mathias Kopetzki. Er hat jedem Schüler die Aufgabe gegeben, ein "Lebenswerk", eine schauspielerische Bearbeitung unseres Lebens darzustellen, in etwa 30 bis 60 Minuten pro Person (wenn es länger dauern sollte, ist es aber auch kein Problem). Um noch Zeit für anderes zu haben, soll an jedem Unterrichtstag mit ihm nur jeweils einer sein Lebenswerk spielen. Bis jetzt waren schon 4 Schulkollegen von mir dran.
Vergangenen Dienstag war schließlich mein großer Tag für den Lebenslauf gekommen. Ich habe ein paar Wochen darüber gebrütet, wie ich das machen soll. Die Kollegen, die vor mir dran waren, haben einige persönliche Gegenstände als Requisiten verwendet, Musik und wichtige markante Szenen aus ihrem Leben gespielt. Zunächst dachte ich an eine aufwendige Präsentation, mit Laptop (vielleicht sogar Bildprojektion) und ebenfalls Musik. Aber in den letzten Jahren bin ich ja immer mehr zum Verfechter des KISS-Prinzips geworden. In der Einfachheit liegt die Schönheit.
Ein wichtiges Element, was ich aber unbedingt einbauen wollte, neben dem einfachen "Aufzählen" der Meilensteine in meinem Leben, war meine philosophische Ader. Philosophie ist mir eigentlich eine der wichtigsten Sachen im Leben; aber es ist etwas Persönliches, bei dem ich mir nicht vorstellen kann, es jemals beruflich oder finanziell auszuschlachten (deshalb will ich auf keinen Fall Berufsphilosoph werden!). Für eine Weile habe ich überlegt, das Biographische fast ganz wegzulassen und einen einstündigen "Vortrag" über Philosophie zu machen. Aber das wäre wohl doch zu übertrieben und monoton gewesen.
Ich war mir also ziemlich unsicher, was ich machen sollte. Als ich dann aber meine alten Tagebücher studierte (das erste habe ich mit 12 Jahren angefangen), schrieb ich mir einen groben Ablaufplan zusammen. Den ging ich ein paar mal im Kopf durch und dann stand das ganze eigentlich im Großen und Ganzen.
Als "Rahmenhandlung" für meinen Lebenslauf hatte ich mir schon ziemlich früh was ausgedacht. Wenn man sein Leben schon erzählt, muss man sich ja auch irgendwie ausdenken, warum man das tut, wem man das erzählt. Ich spielte folgendes: ich bin gestorben und wache im Jenseits auf, im Wartezimmer zum Himmel oder zur Hölle. Ich sollte dort mein Leben aus meiner subjektiven Sicht erzählen, wonach ich dann beurteilt werde.
Ich war ziemlich offen. Ich habe einige sehr persönliche Dinge erzählt, die außer mir kaum wer wusste (nicht mal viele Freunde). Ich war während des Spiels sehr drin, mein Lebenslauf floss flüssig aus meinem Mund und das Herzklopfen, was ich 2 Stunden vorher schon hatte, war wie weggeblasen. Das Publikum existierte für mich nicht. Ein geiles Gefühl, wenn man so abschaltet und total in der Rolle versinkt...
Als ich fertig war mit meinem Leben, gab es noch einen Epilog, der die Rahmenhandlung abschloss. Den hätte ich eigentlich länger machen wollen, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass alles schon etwas zu lange dauert. In diesem Epilog stellte sich heraus, dass alles nur ein Traum ist und ich nicht wirklich gestorben bin. Stattdessen könnte ich mir aussuchen, ob ich aufwachen und bleiben möchte (ins Leben zurückkehren oder wirklich sterben). Ich stellte mir die existentialistische Frage, ob es sich überhaupt lohnt, zu leben; mit all den gierigen, dummen, verlogenen und heuchlerischen Menschen auf dieser Welt, ob der Tod nicht eigentlich eine Erlösung und Befreiung ist. Aber andererseits macht das Leben trotz all der Schwierigkeiten irgendwie Spaß. Ich entschied mich fürs Aufwachen.
Das war das Ende meines Lebenswerkes. Das Publikum applaudierte. Mir wurden noch ein paar Fragen zu einigen Details meines Lebenslaufs gestellt und dann bekam ich ein durchwegs positives Feedback. Ein paar Szenen aus meinem Leben hätte ich aufwendiger spielen sollen; eine Schulkollegin meinte, das habe sich bei ein paar von meinen Erlebnissen sehr angeboten und ich habe es nicht gemacht. Mathias hat die Tradition des Georgischen Trinkspruchs (wie er es nennt) eingeführt, bei der jeder im Publikum dem Vorführenden Komplimente machen muss und die Dinge aufzählen soll, die er an ihm schätzt. Es waren einige sehr nette Sachen dabei, was meine Schulkollegen da zu mir sagten. :)
Alles in allem eine tolle Erfahrung, ich hab ein paar neue Dinge über mich gelernt. Irgendwie sehe ich jetzt viele Phasen in meinem Leben in einem etwas anderem, positiverem Licht. Irgendwie gibt es ja keine schlechten Erfahrungen, denn aus allem kann man eine positive Erkenntnis ziehen.